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Hybris und Respekt

Aktualisiert: 16. Apr. 2022

Fietes schnaetch #1

"schnaetch" ist ein Kunstwort, das ich aus 'schnacken' (plattdeutsch für reden, diskutieren) und 'sketch' (englisch für skizzieren) zusammengesetzt habe. In dieser Rubrik möchte ich Inhalte, die ich irgendwo aufgeschnappt habe, in Worten und in Sketchnotes (mit dieser Art der Verarbeitung und Darstellung beginne ich mich jetzt auseinanderzusetzen, sie sollten also zunehmend besser werden) aufzubereiten.

 

Ich (Fiete, pensionierter Lehrer, wohnhaft hinterm Deich) schwitze auf dem Hometrainer und lenke meine Gedanken von "wie lange muss ich noch?" durch das Hören eines Podcasts ab. Es unterhalten sich die Herren Lanz und Precht (ihr Podcast #2). Plötzlich kommt das Gespräch in eine Thematik, die bei mir Erlebnisse aus der Schule aufpoppen lassen.


Untenstehender Text ist eine Mischung aus Zusammenfassung des Gehörten und eigenen Gedanken..


Wir leben in einer Welt, in der Gefühle und Befindlichkeit eine enorme Bedeutung gewonnen haben. Sämtliche Sachverhalte bewertet man hauptsächlich mit dem Bauch. "Die Sommaruga finde ich sympathisch, Berset regt mich auf, die Grünen sind Fantasten..." Und man traut sich zu, zu allem eine Meinung zu vertreten und sich einzumischen - und das auf der Basis von Gefühlen und Befindlichkeiten und nicht von Fakten. Das Gewichten von Fakten, das Abwägen von Argumenten, der Perspektivenwechsel - kurz: Vernunft und Verstand kommen zu kurz.

Ihren Ursprung nimmt diese Haltung in der Erziehung. "Möchtest du lieber ein Nutella-Brot oder ein Müsli? Sollen wir in den Zoo gehen oder ins Kino? Stimmt es für dich, wenn wir am Sonntag Oma besuchen?" Das Kind merkt, dass es sehr oft auf seine Meinung und seine Befindlichkeit ankommt. Natürlich und glücklicherweise sind die Zeiten vorbei, in denen das Kind ohne zu Murren oder gar Widerworte das zu machen hatte, was die Erwachsenen verlangten. Andererseits fehlt den Kindern dann aber oft die Erfahrung und Einsicht 'es geht nicht immer um mich' und - ebenso wichtig - 'man muss auch mal was aushalten und sich abfinden'. Ein geflügeltes Wort der Neuzeit umschreibt das mit „das Leben ist kein Ponyhof“. Gerade in der Schule prallen dann 25 Ich-Welten aufeinander und auf die Welten der Lehrpersonen...

Manche Eltern neigen auch oft dazu, alles, was ihre Lieben so tun und von sich geben, überschwänglich zu loben und zu feiern. Das Aufstossen nach dem Essen; die ersten Laute; die Zeichnung vom Hund; das Blockflöten-Spiel unterm Weihnachtsbaum… Überall blitzen Genie und Talent auf. Und deshalb tappt man oft in die Falle der Überförderung. Wieder sieht sich das Kind mitten im Fokus der Aufmerksamkeit. Und wenn immer alles super und toll ist, wo bleibt dann das Übungsfeld für Selbstkritik? In der Schule erleben 25 'Held*innen', dass die Lehrperson mit dem Rotstift die Fehler anstreicht und nicht mehr alles super und toll ist.

Es ist gut, dass man vor Autoritäten keine Angst mehr haben muss. Aber es ist schlecht, wenn man vor Autoritäten - schlimmer noch: vor anderen Menschen generell - keinen Respekt mehr hat. Und das leben die Erwachsenen den Kindern teilweise vor. Auf dem Fussballplatz werden Schiedsrichter übel beleidigt; die Polizistin, die das Rücklicht kontrolliert, wird massiv beschimpft; der Lehrer, der Ruhe einfordert, wird schlicht ignoriert. Respekt qua Amt, Rolle oder Funktion gibt es nicht mehr.

Zu dieser Nähe-Distanz-Problematik habe ich auch noch eine subjektive These.

In meiner Kindheit hiessen die Nachbarn Herr und Frau Meier, und ich grüsste im Dorfladen mit „Guten Tag, Frau Meier.“ Und bei Verwandtschaftsbesuch fragte ich „Onkel Heinz, kommst du mit zum Fussballspielen?“ Heutzutage heisst das „Moin Ursula“ und „Heinz, komm kicken“. Es gibt für die Kinder nur noch ‚Gleichartige‘. Und deshalb verhalten sie sich auch allen gegenüber gleichartig - ohne bösen Willen.

 


Und was will ich damit sagen? „Tempora mutantur, nos et mutamur in illis„ meint der Lateiner und ich übersetze (etwas frei) „die Zeiten ändern sich, und wir müssen uns anpassen“.


Aus der Sicht der Lehrenden bedeutet dies, dass man

- Respekt nicht voraussetzen kann. Man muss es mit den Kindern und Jugendlichen zum Thema machen und dann einfordern.

- die Fähigkeit zur Selbstkritik fördern muss durch entwicklungsorientierte Feedbacks, durch Auseinandersetzung mit Leistung und Qualität und durch stetige Anregung zur Selbstreflexion.


Willst du mir etwas sagen? Schreibe gerne an fiete-clausen@mail.ch


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