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Die Sinnfrage

John Strelecky, The Cafe on the Edge of the World, 2020

In a small café at a location so remote it stands in the middle of the middle of nowhere, John—a man in a hurry—is at a crossroads. Intent only on refueling before moving along on his road trip, he finds sustenance of an entirely different kind. In addition to the specials of the day, the café menu lists three questions all diners are encouraged to consider:
Why are you here? Do you fear death? Are you fulfilled?
With this food for thought and the guidance of three people he meets at the café, John embarks on a journey of self-discovery. Along the way, he discovers a new way to look at life, himself, and just how much you can learn from a green sea turtle.

Eine Hand schreibt "what is your why" auf eine Scheibe.
What is your why?

Das ist die kurze Zusammenfassung, die man auf dem Rücken dieses dünnen und farbig illustrierten Büchleins lesen kann. Bei mir hat das Lesen tatsächlich ein Nachdenken in Gang gebracht. Ich versuche, meine Gedanken etwas zu ordnen, indem ich Zitaten aus dem Buch meine Assoziationen hintanstelle.


 

Once a person knows why they’re here, why they exist, their very reason for being alive – they’ll want to fulfill that reason. (p. 41)

Das wäre dann doch die Urquelle der Motivation, intrinsic motivation at ist best. Sir Ken Robinson geht in seinem Buch «element: how finding your passion changes everything” einen vergleichbaren Weg. Das Element ist für ihn der Ort, an dem Talent und Leidenschaft zusammenkommen. Wenn jemand ‘in seinem Element’ ist, dann erfährt er eine tiefe Erfüllung (beachte Frage 3) – und es besteht die Möglichkeit aussergewöhnlicher Leistung.

Auch Nietzsche trägt ein Bonmot zu dieser Sachlage bei: “Wer ein Warum hat zu leben, erträgt fast jedes Wie.” Eigentlich ein perfekter Slogan für Resilienz.

Emily Esfahani Smith hat ein Buch geschrieben mit dem passenden Titel “the power of meaning”. Auf die Frage „möchtest du glücklich sein?“ würde wohl jede*r ohne zu zögern mit JA antworten. Aber ist Glück nicht relativ und eher dem Moment verhaftet? Tatsächlich gibt es namhafte Denker, die dem Glück noch etwas überordnen, nämlich den Sinn. Smith ging der Frage nach dem Lebenssinn nach. Sie fand heraus, dass sich in all den Vorschlägen verschiedener Philosophen und Wissenschaftler*innen vier gedankliche Leitmotive fanden. Sie bezeichnet sie als die vier Säulen eines erfüllten Lebens:

1. Sich zugehörig fühlen

2. Die eigene Bestimmung finden

3. Die Welt durch Geschichten verstehen

4. Sich als Teil eines Größeren erfahren


Maybe learning about what could fulfill my Purpose For Existing is as simple as exploring and getting exposure to different people and things related to it. (p. 54)

Sometimes it helps to look at things from a different perspective. (p. 30)

… the value of getting exposure to various ideas, people, cultures, perspectives… (p. 119)

Wer nur einen Hammer als Werkzeug hat, der neigt dazu, alle Probleme als Nägel zu sehen. Oder anders formuliert: Um seinen Horizont zu erweitern, muss man seinen Standort bzw. seine Perspektive ändern. Und das bedeutet andere Menschen und Lebenswelten kennenzulernen.


As we try to find what will fulfill our PFE, our limits today aren’t really about accessibility. They’re about the limitations we impose on ourselves. (p. 54)

Die Möglichkeiten, andere Lebenswelten zu erkunden, sind in der heutigen Zeit weltweit so gut wie grenzenlos. Ich habe kürzlich das Buch “long way round” von McEwan und Boorman gelesen. Die beiden Schauspieler sind mit dem Motorrad von London via Ukraine, Russland, Mongolei und Sibirien nach New York gefahren. Die Erfahrungen und Erlebnisse mit den verschiedenen Menschen in den unterschiedlichen Kulturen haben den einen Autor dazu gebracht, sich in Zukunft intensiv für Unicef zu engagieren. Er hat also einen neuen oder weiteren PFE gefunden.


Without knowing exactly why I’m here, and what I want to do, I just do what most people are doing. (p. 55)

Meine Kollegin Karin Schwitter, die sich sehr mit Achtsamkeit beschäftigt, hat eine Grafik erstellt, die meines Erachtens dieses Zitat gut auf den Punkt bringt. Die Aussenwelt ist in ihrem Einfluss so dominant, dass sie die Innenwelt erdrückt. Man hat im engen (Familie) und erweiterten Umfeld (Beruf, Verein, Gesellschaft) so viele Aufgaben zu erfüllen, dass für einen selber nicht mehr viel Raum bleibt. Das ist ein Stück weit auch normal und muss meiner Meinung nach auch nicht zwingend zu „Aushöhlung“ führen, wenn man für sein Engagement auch Anerkennung und Wertschätzung bekommt. Dramatischer finde ich es, wenn man sein Leben nach den (vermeintlichen) Ansprüchen der anderen ausrichtet.


Kreisdiagramme, die die Veränderung des Ichs zeigen.
Mein ICH


If you aren’t in tune with what you want to do, you can waste your energy on lots of other things. (p. 62)

You can quickly find yourself living a life that’s just a compilation of what everyone else is doing, or what people want you to be doing. (p. 63)

Das heisst aber im Umkehrschluss: Wenn du das machen kannst, was du machen willst, dann investierst du vielleicht sehr viel Energie, aber du verschwendest sie nicht. Robinson umschreibt das so: «If you love something you’re good at, well, you’ll never work again.” Ein ähnliches Zitat wird Konfuzius zugeschrieben: “Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.»

Harald Welzer bringt noch eine interessante neue Variante in diese Überlegungen. Er formuliert die Idee, einen Nachruf auf sich selbst zu verfassen. Man schaut vom Ende her auf das Leben und zieht ein provisorisches Fazit. ‚Wie möchte ich gewesen sein bzw. wie möchte ich, dass man sich meiner erinnert?‘ Und vielleicht hat dieser Nachruf Konsequenzen für das Jetzt und Morgen.


Why is it we spend so much of our time preparing for when we can do what we want, instead of just doing those things now? (p. 73)

Unser Mathe-Lehrer am Gymnasium schwärmte uns immer vor von seinem genussvollen Leben nach der Pensionierung. Ein paar Wochen vor diesem herbeigesehnten Termin ist er leider verstorben. Wer kennt nicht solche oder ähnliche Geschichten ohne Happy End? Und wer zieht wirklich Konsequenzen aus solchen Beispielen?


The challenge is to realize that something is fulfilling because we determine it’s fulfilling. Not because someone else tells us it is. (p. 84)

How much of my definition of success, happiness and fulfilment had been determined by people other than myself? (p. 89)

Kennen Sie noch die Werbung „mein Haus, mein Auto, mein Boot“? Oder die Zauberformel Frau/Mann, Kinder, Haus und Hund? Die Aussenwelt gibt viele Beispiele vor, wie Erfolg, Glück oder Erfüllung auszusehen haben. Aber entspricht das dem, was deine innere Stimme ruft? Und wenn nicht, hast du den Mut deine Version von Glück und Erfolg zu akzeptieren und zu leben? Gegen den Strom zu schwimmen braucht deutlich mehr Kraft.


Wie kommt man aber überhaupt dazu, sich solche Fragen zu stellen?


It’s hard to focus on something that important, when you’re being bombarded with all kind of other information and messages. … They’re usually trying to get away from the external ‘noise’, so they can focus on what they really think. (p. 119)

Ich denke, es gibt zwei Wege. Vielleicht wird man durch eine (meist negative) Situation aus dem Mahlstrom des Alltags gerissen und sieht sich konfrontiert mit solchen existentiellen Fragen. Oder man sucht bewusst „Rastplätze“ auf (Meditation, Kontemplation, Wanderung, Gespräche), um in Ruhe nachdenken zu können.


They all seem genuinely happy. They appear to enjoy what they’re doing. They’re also really confident. They just seem to know things will go the way they want them to go. (p. 100)

Hier schliesst sich der Kreis zu der weiter oben bei Smith gestellten Frage nach dem Glück und dem Sinn und wir erkennen: Glück durch Sinn.


In life only you truly know what you want from your existence. Don’t ever let things or people drive you to the point where you feel you no longer have control over your own destiny. Be active in choosing your path, or it will be chosen for you. (p. 113) Diese Forderung ist wohl folgerichtig und konsequent, aber auch sehr schwierig umzusetzen. Wir sind ja alle verwoben in Systemen und stehen in wechselseitigen Abhängigkeiten. Wenn man eine Familie hat, dann kann man seinen Drang nach Freiheit und Selbstverwirklichung nicht ‚ungehemmt‘ ausleben.


 

Quellen

Harald Welzer: Nachruf auf mich selbst


Sir Ken Robinson: Finding your Element

In Finding Your Element, author and educator, Sir Ken Robinson, offers viewers a guide to finding and being in their element. He provides basic principles and tools to help guide them to do the work they enjoy with a sense of contentment and purpose. He believes that you can thoughtfully and strategically make changes in your personal and professional life as you Find Your Element.

Wer das Buch nicht lesen möchte, bekommt eine gute Zusammenfassung in diesem Vortrag:


Karin Schwitter: Neurosensitivität und Achtsamkeit, www.karinschwitter.ch

Emily Esfahani Smith: the power of meaning


 

In eigener Sache


Ich beschäftige mich mit Resilienz und sauge Informationen auf, die ich zu ordnen versuche. Das Ergebnis stelle ich häppchenweise auf meine Homepage in der Rubrik „resilient stark optimistisch“.





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