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Salman Khan, the one world schoolhouse

Aktualisiert: 24. Nov. 2020

Es begann mit einer innerfamiliären Gefälligkeit. Salman Khan wollte seiner Cousine ein mathematisches Konzept erklären. Da seine Cousine aber weit weg wohnte, nahm Khan seine Erklärung auf Video auf und stellte den Film seiner Verwandten via YouTube zur Verfügung. Die Cousine hatte Freundinnen … und so entstand im Laufe der Zeit die Khan Academy.

Je mehr Erklärvideos er aufnahm, umso intensiver setzte er sich mit Lernen, Unterricht und Schule auseinander. „I believe that the way we teach and learn is at a once-a-millenium turning point.“ (Khan 2013)

Im Folgenden fasse ich seine Gedanken aus dem Buch «the one world schoolhouse» zusammen.



Entfremdung


Entfremdung ist ein Begriff, der oft und sehr unterschiedlich gebraucht wird. Ich verwende diesen Begriff in dem Sinne, dass zwei Elemente auseinanderdriften, dass sich dazwischen eine Kluft bildet.


Der Zeitpunkt für Veränderungen ist gekommen, denn die Art und Weise wie Schule mit Lernen umgeht, entspricht nicht mehr den Anforderungen, die die jetzige Welt den Heran-wachsenden stellt. „The gap grows wider between the way kids are being taught and what they actually need to learn.“ Da niemand weiss, was die Schülerinnen und Schüler von heute morgen können und wissen müssen, ist es für den jetzigen Unterricht weniger wichtig, was sie lernen als vielmehr wie sie etwas lernen können. Lernen ist eine Kern-kompetenz. Er erachtet zudem kreatives und analytisches Denken im Zeitalter der Informationen und der Digitalisierung als überlebenswichtig.


In these regards, conventional education, with its emphasis on rote memorization, artificially sequestered concepts, and one-size-fits-all curricula geared too narrowly toward testing, is clearly failing us.


Er kritisiert Elemente wie Jahrgangsklassen und 7G-Unterricht, weil das mit einem grundsätzlich passiven Lernverhalten einhergeht. Neugier und Wissbegierde werden zu oft in Langeweile erstickt. Wenn das schulische Lernen wenig zu tun hat mit den Interessen, Zielen und Bedürfnissen der Lernenden, dann entfremdet sich Lernen und Persönlich-keitsentwicklung.

Ich denke, man kann es auch Entfremdung nennen, wenn sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen immer schneller ändern und die Schule seit vielen Jahrzehnten unverändert ist. Die Schule von heute erscheint uns normal, sie präsentiert sich seit Generationen so. Aber sie ist nicht gottgegeben sondern menschengemacht. Und deshalb kann und muss ein Wandel passsieren.


The basics of standard educational model are remarkably stubborn and uniform: Go to a school building at 7 or 8 in the morning; sit through a succession of class periods of forty to sixty minutes, in which the teachers mainly talk and the students mainly listen; build in some time for lunch and physical exercise; go home to do homework. In the standard curriculum, vast and beautiful areas of human thought are artificially chopped into manageable chunks called ‘subjects’. Concepts that should flow into another like ocean currents are dammed up into ‘units’.


Diese Beschreibung kommt einem natürlich sehr vertraut vor – weil es fast überall so funktioniert. Und trotzdem wurde das Bildungssystem in einer bestimmten Phase der Geschichte erfunden, und zwar unter den damaligen sozialen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gegebenheiten.

Lektionen, Fächer, Primar- und Sekundarstufe, Schulpflicht, Finanzierung durch Steuern, Schuleintrittsalter und Anzahl der Schuljahre, Jahrgangsklassen – all das wurde im 18. Jh. in Preussen erfunden. Und mit welchen Zielen? “The idea was not to produce independent thinkers, but to churn out loyal ant tractable citizens who would learn the value of submitting to the authority of parents, teachers, church, and, ultimately, king.” Die Aufteilung in Jahrgangsklassen scheint auf der Hand zu liegen, wurde aber erst in der Industrialisierung erfunden aufgrund der höheren Menschendichte in den Städten. Und durch diese altersmässige Aufteilung der Lernenden in Klassen wurde auch der Lernstoff dementsprechend aufgeteilt. Die Schule war nun eingebettet in eine übersichtliche, verwaltbare Struktur.

Aber wie schon oft gesagt, die Zeiten und die Ziele der Bildung und Erziehung haben sich verändert. “Today’s world needs a workforce of creative, curious, and self-directed lifelong learners who are capable of conceiving and implementing novel ideas. Unfortunately, this is the type of student that the Prussian model actively suppresses.”

Natürlich lernen die Schülerinnen und Schüler nach wie vor lesen und schreiben, die Grundlagen der Mathematik und exemplarische Elemente aus den Naturwissenschaften. So gesehen funktioniert unser Schulwesen – aber es könnte und sollte mehr bewirken.


Grundsätze


Sein Idealbild der schulischen Bildung beeinhaltet ein paar Grundsätze.


Jede(r) Lernende geht in seinem Tempo weiter. Es kommt nicht mehr vor, dass die Lehrperson bestimmt (aufgrund des im Lehrmittel integrierten Zeitplans), dass das aktuelle Thema nun abge-schlossen ist und die ganze Klasse ‚einen Schritt weiter geht‘. Das Gegenteil von Lernfreude stellt sich ein bei den Schülerinnen und Schülern, die mehr Zeit bräuchten. Zu selten erfahren sie das wohltuende Gefühl, etwas gelernt und verstanden zu haben. Zu oft erleben sie Stress, weil es schon wieder weiter geht, bevor sie es verstanden haben. Anderen hingegen wird es langweilig, weil es ihnen zu lange dauert. Wenn ein Lernender ‘beweisen’ kann, dass er das aktuelle Thema verstanden hat, dann kann er fortschreiten.


Wenn es sich bei diesem Lerninhalt (wie oft in der Mathematik) um ein Konzept handelt, auf dem später aufgebaut wird, dann kann dieses Vorgehen verheerend sein. Einerseits, wenn man es nicht verstanden hat und man keine Gelegenheit bekommt, es durch mehr Erklärung und/oder Übung zu beherrschen. Andererseits suggeriert dieses Durchnehmen-Prüfen-Abschliessen-Weiter ein los-gelöstes Abhandeln von Einzelthemen, die nach dem Abschluss wieder vergessen werden. Khan nennt dies „swiss cheese learning“. Während aber beim Schweizer Käse die Löcher den Genuss nicht stören, muss man sich die Frage stellen, ob diese entstehenden Lücken später noch gefüllt werden können. Die einen wahrscheinlich schon, ein paar andere sind vielleicht nicht so wichtig. Aber es gibt Löcher, die vergrössern sich. Dann nämlich, wenn auf dem nicht vorhandenem Ver-ständnis weitere Konzepte aufgebaut werden. Durch dieses ‘Diktat des gemeinsamen Fortschritts’ werden Lernende unaufholbar abgehängt, obwohl sie mit mehr Zeit vielleicht durchaus fähig gewesen wären die grundlegenden Konzepte zu verstehen. Dieser fatale Rhythmus wirkt sich vor allem in der Mathematik aus.


Im Gegensatz zum Schweizer-Käse-Lernen steht das von ihm gestützte Prinzip das mastery learnings. Der Lernende geht erst dann zur nächsten Lerneinheit über, wenn er die aktuelle profund bearbeitet und verstanden hat; insbesondere, wenn es aufeinander aufbauende Schritte sind. Das bedingt eine andere Taktung. Die Lernschritte sind vorgegeben und das Verstehen eines Inhalts führt zum Vorwärtsschreiten, während die Dauer sekundär ist. Im traditionellen System bestimmt die Zeit den nächsten Schritt, und das Verständnis ist untergeordnet. Dieses Prinzip wurde im Laufe der Zeit schon da und dort umgesetzt. Es konnte sich aber nicht durchsetzen.


Wenn der Lernprozess verknüpft ist mit der Persönlichkeit – sei das durch Ziele, Interessen oder Bedürfnisse – dann entwickelt sich auch Lernfreude. Und dieser Enthusiasmus zeigt sich im Engagement, im Durchhaltevermögen und in der Anstrengungsbereitschaft. Khan ist auch der Meinung, dass die Lehrpersonen den Schülerinnen und Schülern zu wenig zutrauen. Und wenn die Lernenden merken, dass die Hürden relativ niedrig sind, dann beginnen sie selber an ihren Fähig-keiten zu zweifeln. Oder anders formuliert: sie bekommen zu wenig Gelegenheiten ihre Fähigkeiten an hohen Anforderungen zu messen.


Die Lernvideos, die auf der Plattform angeboten werden, sind nicht zufällig ungefähr zehn Minuten lang. Man weiss, dass die Aufmerksamkeitsspanne von Lernenden zwischen zehn und achtzehn Minuten liegt. Das bedeutet aber auch, dass eine Erklärung oder ein Input von Seiten der Lehrperson eine Viertelstunde nicht überschreiten sollte.


Technologie kann den Unterricht qualitativ weiterbringen. Sinnvoll und überlegt eingesetzt kann der Computer der Lehrperson Hinweise liefern und Zeitreserven schaffen, um die Schülerinnen und Schüler zu unterstützen. Es geht also mitnichten darum, Lehrende zu ersetzen. Der Einsatz von mehr Technologie ist nicht gleichbedeutend mit der Erhöhung der Unterrichtsqualität. „If you change the technology but not the method of learning, then you are throwing good money after bad practice.“ Die Technik kann die aufwändige Lernstandserfassung übernehmen, und dadurch gewinnt die Lehrperson Zeit für die individuelle und entwicklungsorientierte Lernbegleitung. Obwohl er computer-gestütztes Lernen anbietet, ist er keinesfalls der Meinung, dass Schule nur aus Lernen am Computer bestehen soll. Ein bis zwei Stunden pro Tag sieht er vor für das Arbeiten an elementaren Grund-lagen. Die restliche Zeit ist frei für kreatives Wirken, sowohl alleine als auch in Gruppen: Gedichte, Lieder oder Programme schreiben, Filme drehen, Roboter bauen, malen, konstruieren, berechnen…


Wenn Lernende selbständig unterwegs sind oder neue Wege beschreiten, dann kann es zu Fehlern führen. Khan appelliert für eine unverkrampfte Fehlerkultur. Fehler kommen vor, und sie bieten die Gelegenheit daraus zu lernen. Fehler dürfen keine Angst oder Scham hervorbringen.


Nachhaltiges, bedeutungsvolles Lernen hängt für ihn untrennbar zusammen mit der Übernahme von Verantwortung. „Only by taking responsibility does true learning become possible.“ Es wird heftig diskutiert, ob Kinder und Jugendliche diese Verantwortung schon (mit)tragen können. Er glaubt, dass einerseits die Selbstverantwortung unterschätzt wird, und dass andererseits das Schulsystem die Entwicklung der Verantwortungsübernahme erschwert oder gar verunmöglicht. „Denied the opportunity to make even the most basic decisions about how and what they will learn, students stop short of full commitment.“

Lernen ist für ihn ganz klar persönlich und aktiv. Und Bildung findet nicht zwischen den Lippen des Lehrenden und den Ohren des Lernenden statt – es findet in jedem Hirn auf individuelle Weise statt. Persönlich, weil in jedem Gehirn anderes Vorwissen vorhanden ist, an das das Neue angedockt werden muss. Das menschliche Gehirn ist so komplex, dass man nicht davon ausgehen kann, dass es eine Methode gibt, die für alle optimal ist. Und aktiv, weil das neue Wissen bearbeitet werden muss, damit es vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis übertragen wird. Man kann Lehr-pläne und Prüfungen standardisieren, aber das Lernen ist und bleibt individuell. Zu diesem persönlichen, eigenen Lernen gehört auch die Wahlfreiheit bezüglich wann und wo. Und hier bietet das Internet (u.a. die Khan academy) wunderbare Möglichkeiten. Viele Reden, Vorträge oder Vorlesungen stehen im Netz zur Verfügung.


Lernen findet für ihn aber auch unabhängig vom Alter statt. Man kennt die Neuroplastizität des Gehirns, und deshalb gilt das Motto ‘use it or loose it’. Ich stosse bei Khan auf einen Gegenbegriff zur wohlbekannten Pädagogik, und zwar Andragogik. Andragogik ist die Wissenschaft, die sich mit dem lebenslangen Lernen befasst. Es ist die Perspektive, die diese Begriffe unterscheidet. Die Pädagogik beschäftigt sich mit der Frage, wie Kinder und Jugendliche erzogen und gebildet werden durch Lehrende. Die Andragogik stellt das Lernen ins Zentrum, und der Lernende wird zum Subjekt. Der Erwachsene muss nicht lernen, er entscheidet sich dafür. Das schliesst natürlich nicht aus, dass man in dem Lernprozess begleitet wird. Und wenn das Lernen zusammenkommt mit Begriffen wie selbständig, selbstbestimmt oder selbstwirksam, dann sind wir beim Begriff Autagogik, den Müller verwendet.


Wenn man die Punkte ‘eigenes Tempo’, ‘mastery learning’ und ‘persönliches Lernen’ zusammen-bringt, dann kann die Jahrgangsklasse keine Option mehr sein. Und auch auf sozialer Ebene ist eine Mischung ideal. Wenn die Jahrgangsklasse aufgehoben wurde, dann braucht es auch die Klassen-zimmer nicht mehr. Khan stellt sich einen grossen Lernraum vor, in dem viele Lernende aber auch mehrere Lehrende arbeiten. Dadurch wird auch die Lehrperson aus der Isolation geholt und kann sich mit Kolleginnen und Kollegen austauschen. Und die Unterschiedlichkeit der Lehrenden passt sehr gut zu der Heterogenität der Lernenden.


In diesem Zusammenhang stellt Khan eine interessante Frage. Die meisten Jugendlichen stehen in einer Woche sowohl Lehrern wie auch Trainern gegenüber. Zu beiden besteht ein hierarchisches Verhältnis. Beide Personen sind dafür ausgebildet, den Jugendlichen etwas beizubringen. Beide stellen Aufgaben, erteilen Aufträge und fordern Handlungen ein, die den Jugendlichen oft gegen den Strich gehen. Trotz vieler Gemeinsamkeiten ist das Verhältnis zu ihnen sehr unterschiedlich. Lehrerinnen und Lehrer werden oft nicht gemocht, während Trainerinnen und Trainer oft bewundert, zumindest aber geachtet werden. Woran liegt das? Einerseits muss man in die Schule und das Training hat man selber gewählt. Neben diesem offensichtlichen Unterschied macht Khan noch einen anderen Grund aus: „[…] coaches are specifically and explicitly on the student’s side. Coaches are helping them be the best they can be, so that they can experience the thrill of winning.” Aus Sicht der Schülerinnen und Schüler steht die Lehrperson nicht auf ihrer Seite. Sie bestimmt die Themen und das Tempo, sie testet und bewertet, sie streicht mit rot die Fehler an, und sie unter-richtet eine Klasse und nicht zwei Dutzend Individuen. Wenn ein Trainer Fehler entdeckt, dann wird er alles daransetzen, dass sein Schützling ihn ausmerzen kann. Er wird nicht einfach seinen Trainingsplan durchziehen. Die Lehrperson, wie sie sich Khan wünscht, müsste ihre Haltung anpassen. „The teacher, like a coach, needs to emphasize that anything less than mastery won’t do because he or she expects you to be the best thinker and creator that you can be.”


Durch Lernen wird ein zunehmend grosses Netz gewoben, und durch Assoziationen hat man schnellen und flexiblen Zugang zu Informationen. Es besteht die Gefahr, dass man diese Vernetzung erschwert, wenn man Lerninhalte portioniert und es verpasst immer wieder die Zusammenhänge herzustellen. Dies geschieht vor allem dann, wenn man ein (Unter)Thema nach einer Prüfung ‚abschliesst‘.


Khan steht den gängigen Tests sehr kritisch gegenüber. Die Tests zeigen, wie gut oder schlecht der Lernende die Aufgaben in der Prüfung lösen konnte. Je nach gestellten Aufgaben reicht das Repro-duzieren bereits für eine gute Note aus und tiefes Verständnis muss nicht bewiesen werden. Das Testergebnis ist eine Momentaufnahme – und oft ist die Halbwertszeit dieses Wissens bei Abgabe des Papiers bereits erreicht. Zudem geben Prüfungen selten preis, warum eine Antwort richtig oder falsch beantwortet wurde. Was ihn besonders stört sind die möglichen Konsequenzen, die so ein Test mit all seinen Unzulänglichkeiten (è Kap. 12) auf die Schullaufbahn haben kann. Er ist nicht grundsätzlich gegen Testen und Beurteilen. „What I’m urging, though, is a measure of skepticism and caution in how much weight we give to test results alone. The accuracy and meaningfulness of test results should never be taken for granted.”


Was erachtet er als wichtig für die Zukunft (die schon begonnen hat)? Neuartige Probleme löst man mit neuartigen Gedanken, deshalb ist Kreativität so wichtig.


Inhalt unzähliger Diskussionen sind die Hausaufgaben: ob und wie lange, was und mit wem… Hausaufgaben sind bei Kindern und Jugendlichen sicher wenig beliebt, Eltern fordern sie oft ein als ‘Blick ins Schulzimmer’. Und wie oft hängt der Haussegen schief wegen diesen Hausaufgaben? Deshalb gibt es auch so viele Stellen, die mit den Hausaufgaben Geld verdienen (Nachhilfe). Weil es bei den Hausaufgaben oft um mehr geht als den Lernenden und die Aufgabe, die er daheim löst, untergraben Hausaufgaben die Chancengleichheit. Und Khan fügt noch einen weiteren Gedanken hinzu: „Homework becomes necessary because not enough learning happens during the school day.” Er erachtet den Unterricht mit seinen “one-pace-fits-all“ Lektionen als sehr ineffizient.

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Und wann eröffnen wir diese Schule?

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